Hänsel hilf!

On 6. Oktober 2016 by admin

Kallisto_ganzgrossFür Demente gibt es Klingelmatten, die ein Signal an die Schwester aussenden, wenn besagte Person beispielsweise nachts das Bett verlässt. Manch einer ist ja akut sturz- und somit verletzungsgefährdet – oder er geht gewohnheitsmäßig auf Wanderschaft und dabei allzu leicht verloren. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.

Gute Erfindung, so eine Matte. Eigentlich sollte jeder sowas vor der eigenen Wohnungstür liegen haben, innen, wohlgemerkt, und den Klingelton auf die Türglocke geleitet. Viele verzweifelte Situationen würden so im Ansatz verhütet, so wie die, in die ich mich selbst kürzlich gebracht habe. Folgendes ist passiert:

Ich denke, bring mal schnell vor der Arbeit noch ein paar Sachen in den Keller, um in der Wohnung etwas mehr Luft zu haben. Ich nehme die sieben Sachen unter den Arm, schnappe mir den Kellerschlüssel, bedeute der Hündin, drinnen zu bleiben und ziehe vorsorglich die Tür vor ihrer Nase zu. Neugieriges Tier, das sie ist. Schnell ausgebüxt.

Im Keller verstaue ich den besagten Kram im brandneuen Kellerregal, bewundere meinen Ordnungssinn und schlendere zufrieden wieder hoch zu meiner Wohnungstür, die ordentlich zugezogen ist, innen steckt der Wohnungsschlüssel, außen stehe ich und mache ein dummes Gesicht. Ausgesperrt! Die Hündin wimmert leise von innen, und in mir baut sich eine Panikwelle auf, um Himmels Willen, was tun? Noch drei Stunden bis Arbeitsbeginn und ich stecke in einem Schlamassel sondergleichen. Kein rettender Ersatzschlüssel irgendwo.

Nachdem ich mir mit ein paar Flüchen und Stoßseufzern Luft gemacht hatte, musste ja nun etwas passieren. Also ging ich noch einmal ums Haus, um meiner Hündin durch die verschlossene Terrassentür traurig zuzuwinken, dann machte ich mich auf den Weg zum nahen Genossenschaftsbüro. Hier konnte man mir leider auch nicht mit einem eventuellen Generalschlüssel aushelfen, aber ein Anruf beim örtlichen Schlüsseldienst ging raus, der bummelig fünf Minuten später an der Haustür zu erscheinen gelobte.

Der gute Hans D. stellte sich pünktlich ein und packte in aller Seelenruhe sein Einbrecherwerkzeug aus. „Das haben wir gleich“. Zu den Berufsgruppen, die mit panischen Frauen umgehen können, gehören neben Friseuren, Psychiatern und Konditoren eindeutig auch die Schlüsseldienste. Ich trat dennoch nervös von Fuß auf Fuß, die Hündin, das pflichtbewusste Tier, warf sich mittlerweile krachend von innen gegen die Tür und gab die Raubtiernummer. Der Handwerker zuckte darob müde mit den Schultern und versicherte mir, er habe keine Angst. Da die Tür noch eine sichere Barriere darstellte, glaubte ich ihm aufs Wort. Stand aber schonmal bereit, um die Hündin aus der Luft pflücken zu können, wenn die beiden sich dann persönlich kennenlernen sollten.

Hänsel sprühte den Schlossbereich großzügig mit Silikonöl ein und nestelte mit gebogenen Drahtstücken herum. Und tauschte, und rüttelte, und tauschte, und rüttelte. Mich wunderte, dass niemand von der Nachbarschaft nachschauen kam, was der Lärm zu bedeuten hatte. Hans schnalzte kritisch mit der Zunge. Die Aktion zog sich dahin, es war wirklich nicht wie im Fernsehen, wo die Tür gleich mit einem leisen Klick aufspringt. Mit düsterer Genugtuung beobachtete ich, dass mein Schloss sich nicht widerstandslos knacken lassen wollte.

Der Mann, offenbar ein Virtuose auf dem Instrument, das sich weibliches Nervenkostüm nennt, versicherte mir nach den fruchtlosen ersten fünf Minuten Einbrechen schließlich: „Hören Sie. Falls Gefahr in Verzug wär, wäre ich schon längst drin, kein langes Gefackel, Griff abkneifen, bohren und aus. Ich versuch nur, Ihnen etwas Geld zu sparen.“ Ich antwortete mit einem herzlichen Blick. Die Hündin hatte mittlerweile das Bellen aufgegeben und lag wohl platt auf der anderen Türseite, um stattdessen schon einmal Witterung aufzunehmen.

Und dann endlich, endlich machte es schließlich doch klick, ich schnappte mir die Hündin, sperrte sie ein Zimmer weiter und streckte die Hand resigniert nach der Rechnung aus. 40€, ein Schnäppchen.

Soviel hatte ich gerade noch im Portemonnaie. Mein Blick muss wohl doch Bedauern ausgedrückt haben, denn Hans sprach:“ Es ist in guten Händen.“, packte seine sieben Sachen zusammen und entschwand wieder in die Welt, um irgendeiner anderen verzweifelten Seele beizustehen, gesegnet sei er. Ich ging zur Hündin, um ihr alles noch einmal zu erklären. Zehn Minuten später brachte ich noch mal schnell den Müll raus.

Und ich sage euch, es war so, als habe die Fußmatte geklingelt, und bis heute hat sich das nicht geändert. Jedes Mal wenn ich die Haustür überschreite, bleibe ich meine drei Sekunden stehen, prüfe die Schlüssellage und gehe erst mit der Garantie auf glückliche Wiederkehr weiter.

Ich brachte also den Müll raus, komme wieder in den Treppenflur und sehe dann etwas auf den Stufen blitzen. Hänsel hatte einen seiner Drähte da gelassen, was mir an diesem Tag schon ein zweites Lächeln auf das Gesicht zauberte. Nun habe ich also sogar die Wahl, ob ich also den ollen Schlüssel nehme oder das schlanke Modell. Und dann muss ich noch ein Letztes sagen, seit dem Zwischenfall mit dem Schlüsseldienst lässt sich die Tür so leichtgängig aufschließen wie nie zuvor. Ein Segen, wenn man dabei beispielsweise mit Einkaufstaschen ballanciert. Hänsel, die 40€ seien dir vergönnt! Ich wüsste niemanden, der sie mehr verdient hätte!

 

 

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