Von der Schnelllebigkeit

On 5. Juli 2016 by admin

Sollyklettert3Es ist schon komisch, welches Lebenstempo Menschen als normal und zuträglich empfinden. Jedenfalls könnte man behaupten, dass Menschen schon immer, zu jeder Epoche über die Schnelllebigkeit ihrer Zeit geklagt haben und sich beklommen fragten, ob das aktuelle Tempo nicht schlichtweg gesundheitsschädlich sei.

Beispielsweise befürchtete man zur Zeit der ersten Personenzüge, dass die vorbeirasende Welt am Abteilfenster krank mache, da das menschliche Auge sich nicht ausruhen und fixieren konnte, sondern durch eine schnelle Bildabfolge gezwungen wurde. Die Geschwindigkeit der ersten PKW mit 30 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit versetzte damalige Wissenschaftler in Panik, für so schnelles Reisen sei der menschliche Körper nicht gemacht, man fürchtete Organschädigung und Tod. Wie wir im Rückblick wissen, sterben wir offenbar auch bei einer Reisegeschwindigkeit von über 300 km/h nicht und gewöhnten wir uns schnell an die fliegende Welt da draußen, weil wir anders zu sehen lernten. Nicht mehr das Naheliegende wird angeschaut, wir Reisende schauen in die Ferne, je weiter weg ein Gegenstand sich befindet, desto länger bleibt er im Blick und langsamer zieht er vorbei. Das Weitentfernte verleiht der Welt Stabilität.

In der gegenwärtigen Epoche, der Spätmoderne, in der wir uns befinden, scheint Raum und Zeit nicht mehr dasselbe zu sein wie früher. Man könnte sagen, die Gewichtung hat sich verschoben. Kommunikation ersetzt heutzutage oft eine Reise. Der Ochs muss nicht mehr zum Berg, um etwas zu verhandeln, denn eine Email oder Telefonkonferenz tut es auch. Der Personen- und Sachtransport erübrigt sich oft, die virtuelle Vierteilung gelingt mühelos. Heute kann der Mensch an vielen Orten gleichzeitig sein. Und der Mensch stirbt nicht daran, er leidet höchstens an einer neuerlichen Ausprägung von Schnelllebigkeit. In der Soziologie spricht man von der Schrumpfung des Raumes und ergänzend vom Phänomen der “rutschenden Abhänge”. Da ein Mensch sich den Anforderungen der Zeit nicht entziehen kann, darf er in seinen Aufgaben nicht ausruhen und muss immer in Bewegung bleiben, um Schritt zu halten. So gesehen könnte man auch sagen, statt sich wie früher auf Anreisen auszuruhen und vorzubereiten, muss ein Mensch heute jeder für sich strampeln, um am rutschenden Abhang am gleichen Fleck zu bleiben und eben nicht abzurutschen.

Muss man nun in Panik oder Depression verfallen? Ich halte es lieber mit dem Ochsen. Der bleibt von Zeit zu Zeit einfach stehen, um auszuruhen und nachzudenken. Lass die Welt rutschen. Morgen ist wieder ein Tag. Man geht, man steht. Nur so lässt es sich ertragen, dass die Welt fliegt. Sie tut es ohne Unterlass und ganz unabhängig vom Einzelnen. Ab und zu sollte jeder mal stehen bleiben und in die Ferne schauen, so schöpft man Kraft und das Auge darf sich an stabilen Ausblicken erfreuen. Was kommt, das kommt sowieso.

Antje Ortmann

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