Geglückte Zeit

On 7. Juli 2016 by admin
... wo sich Hummeln tummeln.

… wo sich Hummeln tummeln.

Da hetzen wir immer dahin und zerschleißen uns in Zukunftssorgen. Und Ansprüchen, dies und jenes zu besitzen, hier und dort Urlaub gemacht zu haben, eine gewisse Erfahrung gemacht, ein bestimmtes Erlebnis erlebt zu haben, die große Liebe zu finden. Wir rennen und rennen gegen den Tod, scheint mir manchmal. Und oft verlässt uns der Mut und wir fürchten, dass unser Leben misslingt und wir am Ende nicht liebevoll oder achtungsvoll erinnert werden. Landläufig scheint dies die größte Angst zu sein, alsbald in Vergessenheit zu geraten. Was ist aber ein gutes Leben, solange wir leben, wie gelingt es?

Gibt es ein Ziel, auf das man zuhalten sollte? Partner, Karriere, Haus, Kind, Auto, Hund? Sind es unsere Talente, die wir zur höchsten Reife entwickeln sollten? Klavier, Marathon, Wissenschaft? Ich sage, es lohnt nicht, darüber nachzugrübeln und bei sich in einem fort nachzumessen. Es schwächt und macht mutlos, da das heutige Leben aus vielen kleinen Inseln zu bestehen scheint, die auftauchen und untergehen. Den meisten von uns ist ein stabiles immerwährendes Glück nicht gegeben.

Im Film „Elizabeth“ gibt es eine Szene, die mich elektrisiert hat. Die große Elizabeth, Königin von England, sitzt am Ende eines Tages mit einem Freund im Dunkeln, zu einer Tageszeit, in der Angst und Mutlosigkeit hochkochen können. Am Tag glänzen wir mit Entschlossenheit, abends verzweifeln wir an uns. Sie ringt die Hände, hadert mit der Richtung, die sie als Königin einschlagen soll, und ich fühle mit ihr. Was sagt der Freund?

„Wir Sterbliche haben Schwächen zu Hauf: Wir empfinden zu viel, leiden zu viel und allzu früh sterben wir.

Doch haben wir die Aussicht auf Liebe… “

Sie fragt zweifelnd: „Haben wir die?“

Nun, Liebe ist ein großes Wort, und jeder versteht etwas anderes darunter. „Die Aussicht auf Glück“ scheint mir ein greifbarer Anfang zu sein. Glück ist eine Momentaufnahme, ein irrlichterndes Wesen, das unversehens eine Zeit golden färbt, und der Liebe sehr nahe kommt. Man muss aufpassen, im Trubel der Ereignisse die Fühlung nicht zu verlieren, denn Glück liegt in Kleinigkeiten. Und Achtung, man muss auch als gestandene Frau oder cooler Typ Idylle einmal zulassen können. Die Summe von Alltäglichkeiten, das Unbesondere, ergibt manchmal Außergewöhnliches.

Ein Frühstück zu zweit mit frischem Streuselkuchen, schweißtreibende, das Gesicht des Gartens verändernde Erdarbeit, mit dem fröhlichen Hund einmal um den See, einträchtiges Rumschrauben am Toaster bis er tatsächlich wieder funktioniert, gemeinsames Bewundern der sommerlichen Blumenpracht, das erste Eis des Jahres auf frischen Erdbeeren an der frischen Luft, Musik und gute Gespräche. Ein gelungener, goldener Tag. Unverbesserlich.

Manchmal hat man einmal den richtigen Menschen zur richtigen Zeit an der Seite. Das muss genossen werden!

Goldene Tage sind Kraftquellen für die übrige Zeit. Sie verführen dazu, wieder energetischer auszuschreiten, mit sich im Reinen zu sein und sich hübsch zu fühlen. Sie lassen die Gedanken wandern und man ertappt sich dabei, im Laufen zu lächeln.

Die alte Lebenslust rumort wieder ganz nah unter der Oberfläche und es erscheint nicht länger unmöglich, dass Dinge einmal mühelos gelingen, wenn man sie anpackt.

Gewissenhaftigkeit in allem, das ich tue, Humor und Selbstvertrauen sind meine Wunderwaffen gegen Verzagtheit am Abend, die kritische Tageszeit. Elizabeth kannte ja auch noch gar nicht Gandalf, den Grauen, der dieses Untier mit Glutaugen (Balrog, ein als unbesiegbar geltender Dämon der Unterwelt) mit seiner Magie in Schach halten konnte (Herr der Ringe – Die Gefährten). Hoch aufgerichtet mit entschlossener Miene steht er da an einem klaffenden Abgrund über den Minen von Moria. Entschlossen stampft er mit seinem knotigen Stock auf und ruft: „Du kommst nicht vorbei!“

Wir Menschen, scheint mir, müssen Ängste in Wesen umrechnen, mit denen wir kämpfen können. Nur so sind sie besiegbar. Ich sehe den Balrog und ich fühle die Entschlossenheit des Zauberers und ich höre auch den Kampfruf und die Wucht des Stockes auf dem felsigen Untergrund. Wir müssen kämpfen!

Eine geglückte Zeit für mich ist die, in der ich meine Sorgen zurückdrängen und Glück zulassen kann. Das ist schon viel. Die große Liebe mag hinter der nächsten Wegbiegung warten. Das Glück kann jeder jederzeit vorher haben.

Antje Ortmann

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