Freundschaft oder Liebe

On 8. Juli 2016 by admin

Wildbrut_FichtenIch frage mich in der letzten Zeit, was wohl wertvoller ist, Freundschaft oder Liebe?

Freundschaft in allen Lebenslagen oder der Himmel voller Geigen? Dies ist DAS Thema innerhalb und auch außerhalb einer Partnerschaft. Innerhalb oft auch ein Streitthema, da beide Lebensbereiche Emotion und Zeit fordern, die ja nur begrenzt zur Verfügung stehen. Man hält den Freunden die Treue, man gesteht dem Partner seinen besonderen Stellenwert zu, ein Gang über ein Minenfeld.

Manch einer wird sagen, am besten sei es doch, alles in einem zu haben, wenn der Partner gleichzeitig der beste Freund ist. Ich sage, es ist die Hölle, wenn so etwas in die Brüche geht. Wieviel schlauer ist da theoretisch das Outsourcing, wenn ein bester Freund auch noch da wäre, wenn die Partnerschaft gegen die Wand gefahren ist? Aber wir können uns nicht alles aussuchen, und eine enge Freundschaft neben der Partnerschaft hat zu allen Zeiten immer auch ihre Tücken gehabt. Nähe ist ein unberechenbares Ding. Freunde brauchen wir, nach Liebe verzehren wir uns, ich denke, ich werde die Frage wohl nie abschließend für mich beantworten können, tendiere aber zur Liebe und weiß, es sollte die Freundschaft sein.

Und auch über Nähe, insbesondere das vielbeschworene Verständnis, lohnt es sich nachzudenken. Unsere engsten Vertrauenspersonen, wir erwarten unentwegt Verständnis, wir öffnen unser Herz und hoffen auf eine Gegensaite die in Resonanz zu schwingen beginnt, fühlen uns womöglich verletzt, allein gelassen, nicht wertgeschätzt, wenn wir Unverständnis ausmachen. Ziehen plötzlich dieses innige Verhältnis in Zweifel, da es nun also diese unscharfen grauen Gebiete gibt, in denen wir allein herumstolpern müssen, der vormals ortskundige Weggefährte hat sich als unzulänglich entpuppt. Womöglich finden wir selbst manche seiner Anwandlungen recht albern und versuchen dies zu verbergen.

Ist es nicht am wichtigsten, einen geduldigen Zuhörer zu haben, ist das Verstehen in alle abstrusen Winkelzüge unseres Herzens dabei nicht fast zweitrangig, wenn mir ehrliche Zugewandtheit erfahren? Gibt es das aber überhaupt? Gibt es ein Zuhören und Annehmen ohne das totale Verständnis?

Und wie sieht es mit dieser vielbeschworenen anderen Eigenschaft eines guten Freundes aus, sich aktiv zu erkundigen, Fragen zu stellen, wissen zu wollen, womöglich gleich helfend einzugreifen? Hat ein guter Freund/eine gute Freundin, wirklich so etwas wie eine Holschuld? Ist es doch genug, dieses Redeangebot von Freundesseite „Du kannst immer zu mir kommen“, brauchen wir trotzdem dieses Telefonläuten am Ende eines schweren Tages und die Frage „Na, wie ist es gelaufen“?

Man ist gut beraten, die eigene Verletzlichkeit ab und zu zu hinterfragen. Anteilnahme ist schön, eigene Autonomie aber vielleicht ein ebenso beglückendes Erlebnis. Unser Leben müssen wir alle, jeder für sich allein, bewältigen.

Genauso, wie es heutzutage Helikoptereltern gibt, die ihren Kindern alle Schwierigkeiten aus dem Weg räumen, gibt es die Helikopterfreunde, die vielleicht auch einen Tick zu früh ihre Hand hinhalten, wenn man mal strauchelt. Beste Freunde sind vielleicht die, die auch abwarten können. Eine Kunst, zu wissen, wann Hilfe geboten ist und Freunde ansonsten leiden, zweifeln und wachsen zu lassen. Hauptsache bleibt trotzdem, dass man nicht allein auf dem Planeten ist, wenn eine Krise eintritt.

Wir brauchen Unseresgleichen, Kampfesgefährten und Seelenverwandte, die uns zur Seite stehen, wenns hart auf hart kommt, aber auch mit uns lachen und uns inspirieren. Für meine schlägt mein Herz, in Liebe und in Freundschaft.

Antje Ortmann

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