Silvesterphobie

On 29. Dezember 2012 by admin

29.12. 2012 –

Oha, gestern war der erste Verkaufstag für Silvesterbrandsätze. Und wie dankbar wir sind, dass das Zeug nicht das ganze Jahr hindurch in den Regalen steht! Unser Terrier Ben hätte keine ruhige Minute mehr. Er reagiert auf jeden Knall mit manischem, panischen Gekläffe und dreht zu Silvester total ab.

In seinem ersten Silvesterjahr konnte man mit dem Bürschchen rechtzeitig vor dem zu erwartenden ganz großen Knall ganz normal noch einmal auf Gassigang gehen. Wir waren ganz stolz auf unseren schussfesten Hund (Polizeideutsch für Hunde, die sich für Einsatz im “Milieu” eignen). Der Hund der Nachbarin dagegen musste zur Jahreswende ruhiggestellt werden und schlief deshalb die Silvesternacht regelmäßig durch. Natürlich haben wir trotzdem kein Feuerwerk neben unserem Ben abgeprasselt, selbstredend.

Im Silvesterjahr 2 bröckelte die Nerven-Fassade bereits. Ben erledigte seine Gassigänge nervös und schreckhaft. Wir machten deshalb abends nur die schnelle Tour um den Block, fluchend, weil leider schon vereinzelte Detonationen und querschießende Raketenblitze aus dem angrenzenden Viertel die Szenerie belebten und auch im heimischen Wohnblock erste durchgeknallte Partyzombies auf Balkonen die frischgeleerten Sektflaschen mit Raketen bestückten. Wieder in der Wohnung verzog sich der Hund schutzsuchend unter die Sitzmöbel. Wir zogen die Vorhänge vor und blendeten die Nacht aus. Zu Mitternacht traten wir aber an die Fenster, um das Feuerwerk von ferne anzuschauen. Was drehte der Hund durch! Er bellte solange, bis sich wirklich die gesamte Familie mittig im Wohnzimmer versammelt hatte und auch dort blieb. Erst dann beruhigte er sich, der Hütehund.

Silvesternacht 3 verbrachten wir ländlicher, wie wir dachten. Wir waren gerade frisch in die beschauliche Kleinstadt, in den Kurort mit der guten Luft, zugezogen. Ein großer hinterer Garten am Haus garantierte, nahmen wir an, einen abgeschirmten, schnellen Pipigang des Hundes, ohne allzu sehr das Nervenkostüm zu strapazieren. Was soll man sagen?

Die halbwüchsige Tochter der Nachbarn gegenüber hatte sich reichlich halbwüchsige Partygäste eingeladen. Offenbar jeder brachte eine große Silvesterspaßtüte von Aldi mit. Der Abend war lang und die Temperaturen draußen erträglich. Man wärmte sich innerlich und äußerlich und brannte stoisch alles ab, was da war, Raketen und Böller.

Von der Großstadt gestählt und durchaus vertraut mit den dortigen Massen-Endzeit-Veranstaltungen erlebten wir Hartgesottenen hier “auf dem Land” unser blaues Wunder. Für uns hörte es sich an und sah es aus, als würde man Stalingrad nachstellen. Brandgeruch, alles vernebelnde Rauchschwaden, Donnern und Gewehrgeknatter. Blitze, Funkenregen, Sirren, Pfeifen, Jaulen. Der Weltuntergang war da. Der eine Hund drehte völlig ab, der inzwischen dazugekommene zweite ging noch jugendlich unbedarft mit dem Szenario um.

In einzelnen Feuerpausen trug ich den armen Terrier, der noch nicht zum Pinkeln gekommen war, versuchsweise nach draußen in den Garten zu einem Busch. BOOOOOOOMMM, detonierte in zwanzig Metern Luftlinie doch wieder ein China-Böller und WWWWWUUUUUUiiii zog eine querziehende Rakete jaulend und prasselnd ihre Bahn über den Garten weg. Keine Chance, für eine Viertelstunde die weiße Fahne zu schwenken. Gegenüber stieg ja nicht die einzige Party. Der Hund pinkelte nicht und entleerte sich schließlich auf den Steinfliesen im Flur, das arme Ding.

Und nun dämmert Silvester 4 heran. Pflegehund mitgezählt halten wir zurzeit drei Hunde. Was kommt dieses Jahr auf uns zu?

Wir bauen auf einen gefestigten Zweithund und einen unaufgeregten Dritthund, aber Ben macht uns natürlich Sorgen. Deshalb bekommt er seit ein paar Tagen “Stresstabletten”. Auf dem Etikett steht, dass sie beruhigen und Stress abbauen helfen. Im Internet fanden sich zu den Tabletten lauter gute Bewertungen. Nur bei zwei Möpsen wirkten die Dinger nicht beruhigend sondern riefen stattdessen Blähungen hervor.

Wir sind gespannt. Möglicherweise können wir aber schon einen Silberstreif Wirkung am Gemüt des Kleinen feststellen. Der Terrier reagiert bereits viel manierlicher auf Fremdhunde. Wollen wir hoffen, dass nach insgesamt einer Woche Einnahme die beruhigende Wirkung der Tabletten sich auch auf Knaller und Feuerwerk ausdehnt. Ich werde berichten.

Antje Ortmann

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