Vom Zauber der Erneuerung

On 18. Juli 2016 by admin

Es muss erst schlimmer werden, bevor es wieder besser werden kann.

Im bewohnten Zuhause fühlt es sich manchmal wie eine Krankheit an, deren Symptome Staub, Trümmer und Unordnung sich kaum bändigen lassen und auch in die anderen Räume vordringen. Die Rede ist vom Renovieren.

Wir Menschen leben in hohlen Klötzchenbauten, die von Zeit zu Zeit grunderneuert werden wollen. Je nachdem, ob die Wände, die Decke oder der Boden dran ist, ist das logistische Problem ein anderes, wohin mit dem ganzen Hausrat während der Baustellenphase? Wände? Alles in die Mitte des Raumes. Decke? Alles in die Mitte und zusätzlich gut abdecken. Boden? Horror. Eine wandernde Möbelraupe vom einen Ende des Zimmers auf die andere, von wo von der Wand her der neue Boden auf einen zuwächst, wenn’s beispielsweise Laminat ist. Am besten ist immer, einen Raum vor den Arbeiten vollends leeren zu können, um sich ungestört der geplanten Maßnahme widmen zu können, aber nicht jeder hat so viel Verschiebeplatz. Und der Alltag soll ja auch weitergehen.

Renovieren ist eine alte Angelegenheit. Der Begriff wurde im 16. Jahrhundert aus dem Lateinischen „re-novare“ entlehnt, was soviel heißt wie „zurück in dem Zustand neu versetzen“.

Man schält die alte Hülle ab, bis man auf die ursprüngliche Struktur stößt, bringt diese in Ordnung und verschönt sie, um dann in Glück und Zufriedenheit in besseren Verhältnissen leben zu können.

Ich habe das Glück, eine noch unbezogene Wohnung in diesen beglückenden Zustand verwandeln zu können, bevor ich mit meinen sieben Sachen einziehen darf.

Geduld und Disziplin, rufe ich mir zu, nicht den ganzen Arbeitsberg auf einmal sehen, zimmerweise, besser: wandweise vorgehen. Je dichter man an der Wand steht, desto besser für die Psyche. Und am Ende einer Arbeitseinheit wandern manchmal die Tapetenfetzen in Müllsäcke und werden gleich mitgenommen, um das nächste Mal auf überschaubarerem Terrain weitermachen zu können.

Zu alten Zeiten, in diesen alten Mittelmeerstädten des klassischen Altertums, las ich, hatte man es noch nicht so sehr mit dem Müllraustragen. während des Essens fielen Schalen, Kerne und sonst Allerlei unbeachtet auf den Boden, Zerbrochenes, Altes und Kaputtes lagen daneben, der Mensch störte sich nicht so sehr daran. Schließlich lebte man auf gestampftem Lehmboden, quasi ursprünglich. Der ließ sich sowieso nicht bergfrühlingsfrisch auf Hochglanz putzen. Aber auch im alten Pompeii beispielsweise gab es den Punkt, an dem einem Zeitgenossen der Toleranzfaden riss und er beschloss, nun müsse einmal alles neu gemacht werden. Nicht, dass man nun endlich allen Müll herausgetragen hätte, der lag vermutlich sowieso schon ein wenig eingetreten im Boden. Man brachte vielmehr eine frische Lage Lehm herbei und auf den Boden auf und alles war wieder schier. Der Nachteil dieser Methode ist freilich, dass die Decke mit der Zeit auf einen zukommt. Der Vorteil, die Archäologen von heute gehen begeistert auf Schatzsuche. Ich schweife ab, wollte ich doch von meinen eigenen Entdeckungen berichten.

Die Tapeten, mehrere Schichten davon, die äußerste weiß überstrichen, schlummern da an meinen alten neuen Wänden. Ich schwelge beim Abkratzen in den 70ern mit ihren schrillen Mustern, bin versucht, ein wenig Retro dranzulassen, mache dann doch lieber alles ab, weil ich mich nach Klarheit und Ordnung sehne. Auf der nackten Wand entdecke ich kryptische Schriftzeichen, Zahlen und Kringel, die vermutlich die Bauarbeiter mit Bleistift hinkritzelten, selbstbewusst und kühn die Schrift, dieses Heim ist menschengemacht, wir hinterlassen alle unsere Spuren.

Die Wände starren noch von der Vorbesitzerin her vor Nagelreihen. Sie hat dafür aber wenig gebohrt und gedübelt. Offenbar hat sie sich die Wände mit vielen kleinen Bildern verschönt. Diese Kunstwerke hängen aber schon lange nicht mehr, also heraus mit den Nägeln, diesen vielen kleinen Stacheln, an denen man sich so schnell die Hände verletzen kann. Kleine Krater bleiben zurück, nachdem ich sie herausgezogen habe, wie Dornen stecken die Nägel fest im Stein, ich höre die Wohnung förmlich wohlig aufseufzen, wenn ich sie ziehe. Nun, diese Kraterchen müssen also noch verputzt werden, mache ich mir eine geistige Notiz. Und dann kommt mein Lehm an die Wand.

Ist es nicht ein Glück, sich bereits jeden Quadratmeter zu eigen machen zu können, bevor man einzieht? Es wird sich anfühlen wie nachhause zurückzukehren, mein Umzug ins Neue.

Jaha, aber vorher ist noch viel zu tun. Portionsweise und ganz dicht an der Wand.

Antje Ortmann

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